Drucksache 1057/21; Anfrage nach § 9 Abs. 2 GeschO; Giraffenhaltung im Thüringer Zoopark Erfurt; öffentlich
Sehr geehrter Herr Möller,
Ihre Anfrage beantworte ich wie folgt:
1. Seit wann besteht die Unvereinbarkeit der vorhandenen Giraffenanlage mit den europäischen Zoorichtlinien?
Es gelten hinsichtlich der Haltung von Giraffen in Zoos unterschiedliche Grundlagen.
In den meisten Bundesländern gibt es keine Haltungsrichtlinien für Wildtiere in Menschhand. Anders in Thüringen: Hier hat die obere Naturschutzbehörde im Jahr 2005 Richtwerte für die Zootierhaltung in Kraft gesetzt. In Thüringen werden für Giraffen folgende Richtwerte vorgeschrieben: ein Stall von 30 m² je Tier muss vorhanden sein und eine Außenanlage von 1.000 m² für bis zu 6 Tiere. Somit war die Haltung in Erfurt für zwei Tiere aktuell genehmigt.
Der Thüringer Zoopark Erfurt ist Mitglied in der Europäischen Assoziation für Zoos und Aquarien (EAZA), also der europäischen Zoogemeinschaft. Über die Mitgliedschaft in der EAZA werden prominente Tierarten wie Elefanten, Nashörner oder Giraffen in arterhaltender Zuchtgemeinschaft gemanagt und können auch nur über die EAZA bezogen werden. Die Mitgliedschaft in der EAZA ist für diese Tierarten verpflichtend. Im Jahr 2006 hat die EAZA Haltungsrichtlinie für Giraffen erlassen, die seither gelten. Es gelten daher folgende Mindestwerte: mindestens 3 Tiere halten, für eine eingeschlechtliche Gruppe mindestens 4 – 6 Ställe á 16 – 25 m² je Stall und Mindestseitenlängen von 4 m je Seite. Diese 4 – 6 Ställe müssen als Rundlauf verbindbar sein. Alternativ wären eine Laufhalle (64 – 100 m²) plus mindestens 3 Ställe á 16 – 25 m² möglich. Dies gilt für kleine Herden, also alles ab 3 Tieren. Die Außenanlage muss mindestens 1.500 m² groß sein.
Das neue Säugetiergutachten in Deutschland (2014) schreibt vor: Giraffen-Innengehege: 30 m² pro Tier; es ist ein gemeinsamer Innenauslaufbereich von mindestens 200 m² bereitzustellen. Außengehege: Mindestens 1.000 m² für bis zu 4 Tiere. Die obere Naturschutzbehörde in Thüringen hatte kürzlich angekündigt, dass die Maße des Säugetiergutachtens aus 2014 zeitnah in die Thüringer Richtwerte verbindlich übernommen werden sollen.
2. Welche Schritte und Maßnahmen wurden bisher wann unternommen, um die Abgabe der Giraffen vermeiden zu können?
3. Woran konkret sind die unternommenen Maßnahmen gescheitert?
Der Thüringer Zoopark hat eine lange Tradition in der Giraffenhaltung. Die Anlage am aktuellen Standort (60iger Jahre) konnte allerdings nicht vergrößert werden. Das gilt für den Stall und die Außenanlage, da das steile Gelände dies unmöglich macht.
Die geplante Giraffen-Anlage aus dem Entwicklungskonzept von Herrn Wiesenthal (Stadtratsbeschluss zur Drucksache 000569/08 v. 28.01.2009; Giraffen im alten Elefantenhaus mit Rampe in die Afrikasavanne) erwies sich fachlich in diversen Punkt als falsch und wurde daher im baulichen Entwicklungskonzept 2018 (vgl. Beschluss zur Drucksache 1033/18 – Entwicklungskonzept 2018 des Thüringer Zoopark Erfurt – im Stadtrat zur Sitzung am 21.03.2019 beschlossen) anders geplant.
Durch die wenigen vorhandenen finanziellen Mittel im Zoopark kann aber ein Bau in der geplanten Reihenfolge jetzt nicht erfolgen.
Da der Giraffenbulle vor seiner Abgabe in 2014 die Giraffe Dhakija gedeckt hatte, wurde im März 2015 ein Kalb geboren, was Mutter und Kalb über 5 Jahre gut beschäftigte. Die Hoffnung war groß, dass die beiden sich weiter gut vertragen. Leider war das ab 2020 nicht mehr der Fall.
Die Giraffen zeigten zum Teil erhebliche Verhaltensauffälligkeiten, denen versucht wurde, zu begegnen. Mehrere Maßnahmen wurden hierzu eingeleitet:
- Intensivierung des Fütterungsregimes (mehr kleine Futterrationen über den Tag verteilt),
- Laub wurde gesägt, gebündelt, eingefroren, getrocknet, als Silage verarbeitet,
- ein gezieltes medizinisches Tiertraining wurde als Abwechslung eingebaut,
- Bau eines großen Sonnenschutzes (Pilz) 2019 – 2020,
- Verbesserung und Vergrößerung der Futterraufe (2015),
- die Giraffen wurden abends später ins Haus geholt (ein Verbleib in der Außenanlage über Nacht ist nur bei sehr großen Anlagen überhaupt zu empfehlen).
Platz zum Rennen, wie Giraffe Dhakija ihn benötigt, ist und wäre in Erfurt nicht realisierbar gewesen. Wie bei Menschen, gibt es auch bei Tieren große individuelle Unterschiede im Bewegungsdrang. Dhakija ist eine „Laufgiraffe“, die eine große Außenanlage braucht und im Winter einen Laufstall. Erfurt reichte für die Giraffe Dhakija nicht aus. Als sich ihre Verhaltensauffälligkeiten deutlich verstärkten (2020) und dann auch bei ihrer Tochter Mayla auftraten (2020/21), wurde klar, dass diese Anlage für Giraffen heutzutage zu klein ist, und weitere Maßnahmen an diesem Platz umzusetzen, nicht realistisch ist.
In 2020 wurden vom Zoopark noch einmal Anstrengungen unternommen, um noch ein „lauffaules Individuum“ zu finden, was auch gelungen war. Nach Thüringer Richtwerten wäre das genehmigungsfähig gewesen. Die Entscheidung der EAZA war jedoch, keine Giraffen mehr an Erfurt abzugeben.
Da die Erfurter Giraffen ihren Unmut über die für sie zu kleine Anlage immer deutlicher zeigten, wurde die Entscheidung getroffen, dass die Giraffenhaltung an diesem Standort nicht mehr haltbar ist und ein Neubau vorgezogen werden soll, um die Giraffenhaltung in Erfurt bald wieder zu ermöglichen. Um Finanzmittel einzuwerben hat der Zoopark im Mai einen Spendenaufruf geplant und im Juni gestartet, der nun ausgeweitet werden soll.
Leider kann der Thüringer Zoopark Erfurt auf absehbare Zeit weder mit höheren Zuschüssen seitens des Landeshauptstadt Erfurt noch vom Freistaat Thüringen für diese erforderlichen Investitionen rechnen. Somit können die investiven Mittel nur aus den Einnahmen (Umsatzerlösen) erwirtschaftet oder aus Drittmitteln über den Verein der Zooparkfreunde Erfurt e. V. bzw. der Thüringer Zoopark-Stiftung eingeworben werden.
Der im Jahr 2020, trotz der Corona-Pandemie, erlangte Effekt der Steigerung der Umsatzerlöse (946 TEUR über dem Vorjahresergebnis und 619 TEUR über den Planwerten) wurde durch prominente Tiergeburten und eine gute Öffentlichkeitsarbeit erlangt. Das positive Jahresergebnis i. H. v. 1 Mio. EUR soll u. a. für die notwendigen Investitionen im Zoopark verwendet werden.
Mit freundlichen Grüßen
A. Bausewein